Irgendwann hoerte ich einmal, dass man in Wikipedia durch weiterverfolgen von Links nach einem bestimmten Schema stets auf den Eintrag fuer "Philosophie" stossen wuerde. Das klang interessant und liess sich auch gleich an ein paar Beispielen erfolgreich durchtesten. Doch was steckt da wirklich dahinter?

Der Mythos

Der Mythos besagt (konsequent formuliert):

Wenn man von einem beliebigen Artikel ausgehend stets den ersten Link verfolgt, der weder aussprache- noch wortherkunftsbezogen ist, wird man nach einer (unterschiedlichen) Zahl von Wiederholungen stets den Artikel "Philosophie" erreichen.

Was besagt das genau? Hierzu muss ein wenig ausgeholt werden. Die Artikel werden im Folgenden wie folgt als Elemente E bestehend aus Name, Linklist wobei Linklist wiederum aus Artikelnamen besteht verstanden. Aus den einzelnen Elementen und den indirekt gespeicherten Kanten ergibt sich ein Graph. Auf diesem Graphen koennen nun die ueblichen Definitionen angewandt werden, beispielsweise die eines Zyklus oder eines Pfades. Fuer den obenstehenden und zu untersuchenden Fall sei oBdA das erste Element der Linklist in der Form beschraenkt, dass das erste Element sich nicht auf Aussprache und Wortstamm des Artikeltitels beziehen darf. Der betrachtete Pfad ergibt sich durch Verfolgen des jeweils ersten Eintrags der Linkliste.
Lemma 1 -- Die Betrachtung von "Disambiguation"-Pages ist undefiniert. Im Folgenden wird nach bestehender Regel der erste nicht auf Wortstamm- und Aussprache bezogene Link zu verfolgen.
Lemma 2 -- Die Beachtung von "Dieser Artikel behandelt..."-Bloecken ist undefiniert. Im Folgenden wird nach bestehender Regel der Artikelinhalt unter Vernachlaessigung entsprechender Bausteine betrachtet.
Lemma 3 -- Die Beachtung von Links auf nichtexistierende Seite ist undefiniert. Im Folgenden werden Links zu nichtexistierenden Seiten nicht in Linklisten aufgenommen.
Ferner ergeben sich aus der Formulierung des Mythos folgende Forderungen:

Ueberpruefen

Und wie prueft man nun, was am Mythos dran ist? Zwei wesentliche Beweiswege draengen sich auf: 1. Beweis der Falschheit durch Gegenbeispiel oder der Richtigkeit durch Nichtfinden eines Beispiels unter Beruecksichtigung der gesamten Grundmenge. 2. Theoretisches Be- oder Widerlegen.
Ich beginne von Hinten: Ein theoretisches Be- oder Widerlegen erforderte Domaenenwissen ueber den Aufbau von Wikipedia-Artikeln. Diese sollen zwar, so der Selbstanspruch der Wikipedia, den Erfordernissen des Texttyps "Enzyklopaedischer Text" entsprechen -- dies ist in der Praxis allerdings keinesfalls sichergestellt. Somit gibt es auch keine Annahmen ueber das Wesen des ersten Links (ausserhalb der Wortherkunft- und Aussprachelinks), die als gesichert angenommen werden darf; andernfalls wuerde nur eine Teilmenge der Wikipedia-Artikel betrachtet. Der Mythos betrachtet aber keine Teilmenge. Damit ist der theoretische Ansatz hinfaellig und es bleibt ersterer. Also: Empirisches Herangehen. Wahlweise auffinden eines Gegenbeispiels. Am erfolgversprechendsten scheint die Suche nach einem Zyklus, der mit vermutetem "Philosophie"-enthaltenden Zyklus disjunkt ist.

Ohne Lemma 1 und 2 waere der Mythos bereits durch den Zyklus http://de.wikipedia.org/wiki/Signal ←→ http://de.wikipedia.org/wiki/Signal_(Begriffskl√§rung) widerlegt.

Test

Zum Test wurde die Funktion "Zufaelliger Artikel" der Wikipedia benutzt, um unabhaengig vom Bias des Testenden (meiner Wenigkeit) von unterschiedlichen Artikeln zu starten. Anschliessend wurde jeweils nach oben beschriebener Regelung verfahren; die dabei entstehenden Pfade wurden festgehalten.

Ergebnis

Bereits der dritte Testlauf fuehrte zum Erfolg:

Neben dem angenommenen Zyklus um den Artikel "Philosophie" gibt es mindestens einen weiteren Zyklus um den Artikel "Wirtschaftswissenschaft" (welcher zudem kleiner ist).

Bewertung, Zusammenfassung und Schluss

Die Aussage konnte durch Aufzeigen eines Gegenbeispiels fuer die deutschsprachige Wikipedia fuer den Stand des Morgens des 05.07.2013 falsifiziert werden. Ein urbaner Mythos weniger in der Welt :)

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