Da will man eines dieser grossen Elektronikhoekerhaeuser besuchen, um sich Kleinkram zu kaufen, aber dann geht am Eingang das grosse Heulen los. Wohlgemerkt beim Betreten des Landens, nicht beim Verlassen -- womit der Verdacht auf Diebstahl oder aehnliche boese Ungeheuerlichkeiten nicht besteht. Es bleibt die Frage, warum die Anlage das Heulen bekam, als ich mich naeherte. Zeit, den Rucksack zu durchsuchen. Diese Anlagen lassen sich gerne von den Sicherungsstreifen in den Buechern der Rostocker Uni-Bibo ausloesen. Aber ich hatte keine Buecher dabei.

Warensicherungssysteme

Warensicherungssysteme kennt man aus dem Alltag. Es gibt zwei Arten: Diejenigen, die an der Kasse abgepuhlt werden (und die oftmals relativ kobig aussehen). Und dann gibt es die Sorte, die in den Waren verbleibt, aber an der Kasse deaktiviert wird. Das Prinzip bleibt immer das gleiche (zumindest bei dieser Art von Warensicherung, wenn RFID im Spiel ist, ist es nicht mehr so trivial): In der Warensicherung ist ein Schwingkreis enthalten. Die Pruefung an der Tuer besteht nun daraus, dass sich dort extern angeregte Schwingkreise auf der gleichen Frequenz befinden. Wenn nun einer dieser kleinen Schwingkreise (sagen wir, an einem Buch) in die Naehe kommt, dann wird dem angeregten Schwingkreis Energie entzogen -- was man Messen und in eine heulende Kakophoie umwandeln kann.

Rucksackdurchsuchung

Also mal den Rucksack gefilzt, wo sich denn da ein Schwingkreis versteckt hat. Keine Bibliotheksbuecher, keine neuen Klamotten, nichts irgendwie auffaelliges. Dann fiel mir ein, dass ich als guter und braver Informatiker einen Sack voll Kabel mit mir herumtrage (was einige Nicht-Informatiker komisch finden. Finde ich komisch).
Dieses Knaeul scheint der Schuldige zu sein.
Allerdings ist es doch nur ein bisschen aufgerolltes Kabel. Sicher, es ist ein Schwingkreis. Aber ich habe nicht damit gerechnet, dass er eine derart niedrige Resonanzfrequenz hat. Immerhin sind keine Kondensatoren vorhanden jenseits der Leitungskapazitaeten. Wobei diese nicht vom Tisch zu wischen sind: Ein Netzwerkkabel hat 8 Adern, ich habe mindestens zwei Kabel, die ungeschirmt sind, und in denen die Kabel nicht verdrillt sind. Dazu noch ein USB-Verlaengerungskabel. Aus meinem Rucksack genommen sieht das dann so aus:

Kapazitaetsbetrachtungen

Und jetzt kommt der Grund, warum dieser Artikel in der Kategorie Elektronik gelandet ist -- mich interessiert wirklich, welche Kapazitaet ich mir da versehentlich zusammengewickelt habe. Es gibt dazu diese Thomson'sche Schwingkreisformel:

f = 1 / (2 PI SQRT(L C))
Und aus [1] weiss ich, dass ich entweder auf 58 kHz oder auf 8 MHz angesprochen habe. Ich schaue mir das lose Knaeul an und ueberlege, dass ich fuer ein Mittelwellenradio (z.B. fuer den Sender Flensburg-Fuchsberg auf 702 kHz AM) bereits ueber hundert Windeungen auf einem Ferrit-Kern und dazu einen Kondensator in der Groessenordnung von 100 pF benoetigt habe... das sollte "zufaellig" nicht so leicht zu schaffen sein. Also werde ich eher die 8MHz geschafft haben. Erste Unbekannte gefunden! :)
f = 8 000 000 Hz
Kommen wir zur Spule. Hierfuer gibt es ebenfalls Berechnungsformeln, allerdings sind diese etwas undankbarer, da sie sich zumeist doch auf die "lange Spule" beziehen. Das hier ist eindeutig keine "lange Spule" (eine Spule ist "lang", wenn die Laenge goesser ist als der Durchmesser).
...und an dieser Stelle kommt dann die grosse Ungewissheit. Wie betrachte ich die Anzahl der Windungen? Es sind mehrere Kabel, die miteinander zusammen gewickelt sind. Und in jedem dieser Kabel befinden sich 8 paralell liegende Adern -- in einem jedoch gedrillt und abgeschirmt. Also zaehlt dieses vielleicht nur als ein Leiter? Und dann sind da noch das USB-Verlaengerungs- und das mp3-Player-Anschlusskabel, die sich mit umherschlaengeln. Hmmmm.
Angesihts dieser Ansammlung von ... Spulen und Kapazitaeten wuerde ich es fast vorziehen, mal ein paar Tests zu machen und eieinzelne Bestandteile getrennt durch den Warendetektor zu schieben... aber das laesst sich so einfach wohl nicht umsetzen. Wie es mir scheint, habe ich wahrscheinlich mindestens 24 verschiedene Schwingkreise vor mir -- von denen einige vielleicht zusammenwirken ... und andere nicht. Und das rein theoretisch zu knacken, nein, soviel Rechenwut spuere ich dann doch nicht in mir. Vielleicht ja, wenn ich mal wieder Zeit habe.

Sollte das hier ein E-Techniker sehen, der spontan sagt, wie die Sache zu loesen ist, der moege sich mit einer Mail an mailto:ad001@uni-rostock.de bemerkbar machen :)

Quellen

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