Ich hoere ab und an Musik. Nicht wirklich oft, aber manchmal kommt es vor. Manche Musik kann ich ueber Stunden hoeren, manche finde ich toll, aber nach 10 Minuten ... macht sie keinen Spass mehr. Ich moechte sie gerne laut hoeren, aber da ich ueber Kopfhoerer hoere sagt mir mein Verstand, dass das keine gute Idee ist, mich einer Dauerbeschallung mit >90dB auszusetzen. Aber warum geht es denn bei anderer Musik? Gehen wir das Ganze doch mal methodisch an.

Vorweg -- ich bin kein Tonmensch, sondern Informatiker. Sollten sich hier Fehler eingeschlichen haben, bitte ich um eine kurze Mail an mailto://ad001@uni-rostock.de.

Untersuchung

Hier zunaechst ein Beispiel, ueber das ich sagen wuerde: "Klingt toll, kann man auch gut mal laut hoeren, aber nicht staendig."

Schaut man sich den Spass in Wellenform (dB-Skala!) an, dann erinnert es an ... Zeppeline, Zaepfchen vielleicht noch an Geschosse oder Regenwuermer... dennoch, nennen wir es einfach "Beispiel A".
Und dann gibt es Musik, die man lange und ausdauernd hoeren kann. Das sieht dann z.B. so aus:

Das sieht auf den ersten Blick nicht viel abwechslungsreicher aus, aber man beachte, dass hier eine logarithmische Skala angebracht ist! Die leichten "Dellen" sind also als sehr deutlicher Lautstaerkeunterschied wahrnehmbar. Nehmen wir es erstmal als "Beispiel B" an.

Deutung

Ich habe nun also einen Unterschied gefunden. Glueckwunsch! Und was bedeutet er?
Das Offensichtliche: Beispiel A ist dauerhaft laut, Beispiel B hingegen mal leise und mal laut. Scheinbar ist es diese Abwechslung, die wir beim Musikhoeren brauchen, damit wir es dauerhaft als Vergnuegen empfinden koennen. Nicht umsonst finden sich in allen klassischen Kompositionen piano- wie auch fortissimo-gekennzeichnete Stellen. Scheinbar scheint unser Hirn gerade diesen Wechsel zwischen Laut und Leise anregend zu finden. Wer das einmal ganz direkt erleben will, dem sei die Orff'sche Version der "Carmina Burana" ans Herz gelegt. Live kann das ein echter Genuss sein :)
Wobei hier festzuhalten ist, dass "leise" nicht gleich "undeutlich" bedeutet -- auch die leisen Passagen sind noch gut verstaendlich und differenziert. Wenn ich sie laut aufdrehe, kann ich hoeren, wie die Musiker umblaettern.

Auswirkung und praktische Bedeutung

Wenn alle Musik so waere wie Beispiel A

An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass es sich bei A nicht unbedingt um moderne Popmusik handeln muss und bei B nicht unbedingt um Klassik. Hier koennen auch gerne einmal die Rollen getauscht sein, das haengt wohl am Produzenten und nicht an der Musikform :)
Also, um dann doch mal die heutige Kultur einzubringen, es ist modern, wie A aussehende Signale zu produzieren. Es bruellt, wenn man es einschaltet, es bruellt waehrend es laeuft, man hoert ein fieses Nachbruellen, wenn man es ausschaltet. Radioleute nennen es manchmal "Brikettfunk", weil sich die Songs im Sendesignal wie Briketts als Rechtecke hervorheben. Aber: Es ist in. Es war noch nicht immer in. Aber seit ein paar Jahren ist es der Renner, auch alte Musik so zu behandeln. Das nennt sich dann "Digital Remastered" und kostet 3.50 Eur extra beim CD-Kauf.
Und wie entsteht sowas, und was aendert sich dabei beim Hoer-Erlebnis? Dazu hier ein Beispiel. Ich nehme mir Beispiel A von oben und einen Ausschnitt von 1:32 bis 2:23. Das sieht im Diagramm so aus:

und klingt im Original so: down/dynamik-1.mp2. Nun lassen wir ein Werkzeug namens "Kompressor" drueberlaufen (Um den Effekt deutlich zu machen, habe ich ihn besonders grausam eingestellt). Danach sieht das dann so aus:

Man beachte die logarithmische Skala! Der komprimierte Teil ist nun kaum noch hoerbar down/dynamik-2.mp2. Was darueberhinaus passiert ist, ist, dass nun sowohl vorher laute wie vorher leise Teile gleichermassen leise sind. Das bleiben sie aber nicht mehr lange. Denn als naechstes "normalisieren" wir. Sprich, wir machen es wieder laut. Danach sieht es dann so aus:

Und e voila, da haben wir eine Passage, die vorher eine deutlich leise Stelle hatte so bearbeitet, dass sie gleichmaessig laut ist -- sprich, gleichmaessig bruellt. Das Ergebnis klingt auch so: down/dynamik-3.mp2. Man beachte die Floete im letzten Drittel, die nicht mehr dezent und verspielt ist sondern penetrant und fast schon schmerzhaft aufdringlich...

Und was hat das nun alles nun mit "Dynamik" zu tun?

Sehr viel, denn die Dynamik ist das Opfer dieser Behandlung. Bevor wir zur Tat geschritten sind hatte das Musikstueck Teile, deren Pegel in einem recht leisen Bereich um ein Delta bewegten und andere Stellen, in denen sie sich in einem hoeheren Bereich um ein Delta bewegten (dazwischen war ein Gamma und der direkte Uebergang war sehr reizvoll zu hoeren). Jetzt haben wir nur noch den hoeheren Bereich. Um es plastischer auszudruecken:
Die maximale Dynamik eines Aufnahme/Wiedergabemediums gibt an, wie unterschiedlich die Pegel sein koennen, die aufgenommen/wiedergegeben werden koennen. Moderne Popmusik benutzt gerade einen Bruchteil dessen, was eine Schallplatte an Dynamik anzubieten hatte. Ganz zu schweigen davon, was eine CD alles hergeben koennte, wenn man sie liesse.

Quellen und Dank

Ich danke den Jungs von der U.S. Merchant Marine Academy Band fuer die frei unter http://www.usmma.edu/band/sounds.htm zu ladende Version von "Stars and Stripes forever", die ich hier als Beispiel missbraucht habe.
Als Quelle steter Inspira- wie formation zum Thema Radio und "guter Ton" verweise ich auf die http://radioforen.de, wo man noch gelernte Tonmenschen findet. Ich habe grossen Respekt davor, dass sie sich mit Leuten einlassen, die in einem spontanen Entschluss nachts im Suff feststellen, ab Morgen einen Radiosender im Internet betreiben zu wollen, aber von Tuten und Blasen keine Ahnung haben.
Wer sich im akademischen Sinne naeher mit Tontechnik befassen will, dem sei die (zugegebenermassen designmaessig mittlerweile etwas gewoehnungsbeduerftige) Seite von Eberhard Sengpiel (Dozent UdK Berlin) unter http://www.sengpielaudio.com/ empfohlen.

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